Der Holocaust, Buchenwald und wir

Der Holocaust, Buchenwald und wir

 

Immer leiser werdender hörst du die Vögel zwitschern, es hat den Anschein, als ob selbst die Vögel von den Taten hier Bescheid wüssten.

Dein Rücken schmerzt vom harten Holz, auf dem du Tag für Tag, wie eine Sardelle eingequetscht liegst, doch was bedeutet schon Schmerz? Was bedeutet es, sich hier über Schmerzen zu beklagen? Es ist doch schon längst so alltäglich geworden, wie das Wasser trinken zum Lebenserhalt. Wenn du könntest, würdest du gerne heute einfach nur schlafen, denn du hast heute das Kommando für die Krankenstation. Auch, wenn es für dich nicht das erste Mal ist, es ist trotzdem immer eine Herausforderung. Immer wieder die gleichen Menschen sehen, wie sie schikaniert zugrunde gehen, müsste dich eigentlich schon abgehärtet haben, aber es gibt immer wieder neue Gruseltaten der SS-Männer, die immer noch eine Steigerung ihrer Machtdemonstration finden. Gesunder Menschenverstand ist schon längst keine Option mehr hier. Die Methoden, uns zu demütigen, haben noch nicht mal mehr die Beschreibung des Irdischen. Dieser Tag wird wieder so grauenvoll wie jeder einzelne davor, gefüllt mit Geschrei, Gewalt der höchsten Art und Weise, Leid und Schmerz. Es werden wieder Menschen ins Kankenlager kommen mit offenen Wunden, Gehirnerschütterung wegen Ungehorsams, diverse unheilbare Krankheiten- zumindest mit unserem medizinischen Wissen, denn die SS-Männer geben uns keine Medizin zum Versorgen der Kranken. Wir sind noch nicht mal ausgebildet worden für diesen Beruf – des Weiteren wird es wieder bestialisch stinken, denn Fleisch verrottet nun mal…

Du denkst, du hast dich schon daran gewöhnt, aber das wirst du nie. Du hoffst, du zählst nur inständig die Tage, die du noch lebend hier überstehst. Du hast schon ein paar deiner ehemaligen Freunde zum Krematorium bringen müssen, abgehungert, nur noch bestehend aus Haut und Knochen, nicht wieder zu erkennen, mit einem gequälten Ausdruck im Gesicht. Du musstest sie auf den Haufen werfen, zu den anderen Leichen, aufgestapelt vor dem Krematorium. Eine so unmenschliche Art, die nicht mal mit Tieren gemacht wird. Immer wenn du die Augen schließt, siehst du eine bessere Welt, wo Mensch sein, einander zu respektieren heißt, das du eine Freiheit hast, dort hinschauen zu dürfen, wo du möchtest, ohne dafür bestraft zu werden. Aber das sind nur kindische Spielereien deines Verstandes. Du weißt, dass dir so ein Luxus nicht mehr in deinem Leben zusteht. Du bist eine untere Art, auf der Liste der Menschenklassen ganz unten. Du hast nicht das Recht, dich zu verteidigen oder deine Stimme zu erheben. Du bist gerade mal gut genug, den Dienst eines Sklaven austragen zu dürfen.

Der Besuch im Arbeitslager Buchenwald war für uns alle eine sehr prägende Exkursion, sie hat uns nähere Einblicke sowohl in die Lage der Häftlinge, als auch der Offiziere gegeben und diente somit sehr gut zur Veranschaulichung des Unterrichtsstoffes in Geschichte. Für mich persönlich war es erschreckend zu sehen, wie Menschen mit anderen Menschen umgehen können. Uns wird schon im Kindesalter gelehrt, dass wir uns gegenseitig tolerieren sollen und die Freiheit des Anderen akzeptieren müssen. Am Beispiel Buchenwald erfährt Toleranz und Akzeptanz keine Beachtung. Ganz ohne diese zwei Begriffe und mit unmenschlichen Methoden wurde hier Schwerstarbeit von den Inhaftierten verlangt. Es ist unglaublich, wie die Offiziere scheinbar ohne menschliches Mitgefühl den Häftlingen in die Augen schauen konnten und ihnen solche grausamen Taten antaten, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Aussicht auf dem Appellplatz versetzte mir einen kalten Schauer. Und ich bin mir sicher, dass ich im Namen aller Schüler unserer Schule, die an der Exkursion beteiligt waren, sagen kann, dass es uns einen aufklärenden, zutiefst berührenden Eindruck hinterlassen hat, der nicht so schnell aus unseren Köpfen entweichen wird.

Eure Helena G.

siehe auch: Exkursion Mittelbau-Dora

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