Pink oder rosa – Eine ganz alltägliche Erzählung?!

Pink oder rosa – Eine ganz alltägliche Erzählung?!

„DER? Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein. Auch wenn ich ihn früher mochte, heißt das doch nicht, dass ich auf ewig mit ihm leben will. Ich war in der Grundschule, da hat man einen anderen Geschmack als ein Teenager. Er passt einfach nicht mehr zu mir. Mein Gott, ich bin 16 und komme bald in die 11. Klasse und er ist mindestens genauso alt. Er ist hässlich und peinlich und wenn ich mit ihm auf der Fahrt auftauche, ist mein Leben zerstört. Ich sehe sie jetzt schon mit dem Finger auf mich zeigen und mich auslachen!“

„Übertreib es doch nicht so. Er ist nur ein Koffer“, versuchte Carolines Vater sie zu beschwichtigen. „Nein, er ist ein rosarotes, ultrahässliches Monster“, antwortete Caroline ungehalten, „kann ich nicht meinen neuen Koffer nehmen, den mit dem Flugzeug drauf?“ „Warum denn? An diesem Koffer ist doch nichts auszusetzen“, verständnislos drehte er den Koffer hin und her, um seiner Tochter zu zeigen, dass er ganz und gar in Ordnung schien. Auch Caro musste feststellen, dass von Dreck, Rissen oder abgenutzten Stellen nichts zu sehen war. „Aber schau mal da!“ – sie zeigte auf den Deckel. Verwundert begutachtete ihr Vater ihn, bis er meinte, dass er nichts erkennen könne. „Ein Tipp, ER IST PINK!“

Verärgert starrte er sie an: „Pass auf, wie du mit deinem Vater sprichst!“ Sie verdrehte die Augen und änderte ihre Taktik. „Papa, alle meine Freunde werden da sein. Du willst doch nicht, dass ich mich mit so einem Kleinkinderkoffer bloßstelle, oder?“ „Das ist doch kein Kleinkinderkoffer. Da sind keine Prinzessinnen, Feen oder Schmetterlinge drauf. Er ist nur rosa mit Kreisen, das ist doch nicht schlimm!“ „Das ist kein Rosa, das ist Pink!“, entgegnete Caroline. „Und was ist der Unterschied?“, erkundigte sich der genervte Vater und sie holte Luft. „Was der Unterschied ist?! Rosa hat etwas Weiches, Feminines und wäre sie ein Mensch, würde sie einem die Hand schütteln und ruhig sagen: Hi, ich bin Rosa. Schön dich kennenzulernen. Pink dagegen springt einem ins Gesicht und schreit: ICH BIN PINK!!! WILLST DU MEIN FREUND SEIN? BIIIIITTTTTTTTEEEEE!“ Anstatt verständnisvoll zu nicken und ihr den anderen Koffer zu geben, wie Caroline gehofft hatte, seufzte er nur. „Caro, du bist kein kleines Kind mehr…“ „Eben!“, unterbrach sie ihn, worauf er sie wütend ansah und sie wieder verstummte. „… also verhalte dich deinem Alter entsprechend!“, sagte er ihr eindringlich. Caro war verzweifelt: „Aber Papa, ich…“ „Die Diskussion ist beendet und lästerst du noch einmal über diesen Koffer, dann nimmst du ihn mit auf die Englandfahrt!“ Entgeistert sah sie den Koffer an und blickte dann zu ihm rüber. „Das wagst du nicht!“ „Fordere mich nicht heraus.“

Wiederwillig zog Caroline den Koffer hinter sich her. Zum Glück war es früher Morgen und man konnte sie nicht erkennen. Falls doch, verhinderte das die ins Gesicht gezogene Kapuze. Vorhin war Caro noch nicht so trübselig, denn sie hatte einen Plan gehabt. Sobald ihr Vater aus dem Haus zur Arbeit gefahren wäre, hätte sie ihr pinkes Monster ausgepackt, ihn in ihrem Zimmer versteckt und ihre Klamotten in dem neuen schönen Koffer verstaut. Aber da ihre kleine Schwester Mia, die Plaudertasche, auch Petze hoch zehn genannt, noch im Haus war, da sie in den ersten beiden Stunden frei hatte, war Caros Plan ins Wasser gefallen. Jetzt schritt sie mit hängendem Kopf über den Kiesweg. Mit diesem Koffer konnte sie doch nicht mitfahren. Was sollten die anderen von ihr denken? Sie konnte ihn schlecht umfärben ohne von ihrem Vater eine Reformate zu bekommen.

Doch plötzlich kam ihr ein Einfall. Wenn sie ihn nicht umfärben konnte, warum sollte sie ihn nicht verstecken? Jeder normale Mensch würde sich jetzt am Kopf kratzen und fragen, wie sie denn dann ihre Kleidung transportieren wolle, oder wo sie den Koffer verstecken wolle, auf dem Weg zur Schule. Aber nein, Caroline dachte an etwas anderes. Schnell nahm sie ihren Rucksack ab und holte den Regenschutz heraus. Da der Koffer ziemlich klein war, passte jener wunderbar darüber und konnte somit das hässliche Pink mit einem geschmackvollen Grün überdecken. Stolz über sich und ihre Idee, ging Caro strahlend in Richtung Schule. Glücklich begrüßte sie dann ihre Freunde, die sie nur merkwürdig ansahen. Hatte sie was an der Nase? Klebte noch Zahnpasta an ihren Mundwinkeln? Dann bemerkte sie, dass nicht ihr Gesicht angestarrt wurde, sondern ihr Koffer. Der Regenschutz lag kaputt auf dem Weg einige Meter hinter ihr. Oh nein. „Caro?!“, begann Vera mit fragendem Unterton. „Es ist nicht so wie es aussieht!“, meinte Caro verlegen und leicht panisch. „Mein Vater hat ihn mir aufs Auge gedrückt, freiwillig würde ich so etwas nie mitnehmen!“ Ihre Freunde sahen sie verwirrt an und Caro wartete geradezu auf Lachen und Fingerzeigen, aber nichts geschah. Lola kam an sie heran und flüsterte in ihr Ohr: „Meine Mutter auch.“ Caroline sah nun sie befremdlich an. Lola zog ihren Schal zur Seite, der wie Caro jetzt bemerkte, eine kleine TinkerBell auf einem lila Koffer verdeckte. Sven pulte große Aufkleber von einer Rockband auf dem hellblaugewellten Gepäck ab. Darunter: Captain Sharky und seine Mannschaft und Caro musste sich ein Grinsen verkneifen. „Das ist eine wendbare Tasche.“, wisperte dann auch Simone und gewährte einen Blick auf die Innenseite. Man konnte genau Prinzessin Lilifee erkennen. „Wie du siehst, geht es uns allen so“, schmunzelte Mark und verdeckte Drache Kokosnuss. Alle lächelten und Caro war eins klar: Nicht nur ihre Eltern waren anstrengend, dieses Leid teilte sie mit JEDEM Teenager.

Nora Nelson

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